September 2010
Die Kunst des Liebens
Mittwoch, 8. September 2010
So etwa Mitte der 80er Jahre habe ich das Buch „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm gekauft. Meine Kinder waren damals 8 und 5 Jahre alt und ich merkte, dass meine Ehe schwer am Kriseln war. Das Buch hat meine Ehe zwar nicht gerettet, aber es hat mir Einblicke verschafft.
Nun suchte ich genau dieses Buch tagelang in sämtlichen Regalen hier im Haus, konnte es aber nicht mehr finden. Dann hab ich ein neues gekauft, und es war wie immer: ich hab das alte gefunden! Und was mich wirklich ärgert ist, dass der Verlag das Buch umgeschrieben hat. Für meine Vorstellung ist es „entschärft“. Viele Sätze sind längst nicht mehr so deutlich, so drastisch, und das gefällt mir nicht. Nicht nur, weil ich einige der „damaligen“ Sätze nie vergessen habe, sondern weil ich fürchte, dass man den modernen Menschen schonen muss?!
Ich habe natürlich keine Ahnung, und auch eine Anfrage beim Verlag ergab nur eine bla-bla-Antwort, was hatte ich denn auch erwartet?
Der für mich am meisten hängengebliebene Satz aus dem alten Buch, im Kapitel „ist Lieben eine Kunst?“ lautet „… Tatsache ist, dass man die Intensität der Vernarrtheit, dieses gegenseitigen Verrücktseins nach dem anderen, als Beweis für die Intensität der Liebe hält, während es doch nicht mehr ist als der Beweis für den Grad der vorhergegangenen Einsamkeit…“
Erich Fromm schrieb schon 1956 über 'die Liebe und ihren Verfall in der zeitgenössischen westlichen Gesellschaft':
"Man schließt ein zweiseitiges Bündnis gegen die Welt, und dieser Egoismus zu zweit wird dann für Liebe und Vertrautheit gehalten..."
Wenn man diese diffusen Gefühle einmal in ehrliche Sätze packen würde, käme dabei wohl so etwas heraus wie
1. Ich will Sex.
2. Ich kann nicht alleine sein.
3. Hoffentlich bist du jetzt zufrieden und lässt mich in Ruhe.
4. Liebe mich!
5. Ich betrüge dich, aber du sollst es nicht merken.
6. Ich liebe dich, solange du nichts von mir forderst.
7. Es ist so praktisch, dass Du da bist.
Das alles zeigt die Art vieler Beziehungen: sie sind ein Handel. In meiner Heimat würde man es "Kuhhandel" nennen. Du gibst mir, ich gebe Dir dafür... Und genau das sagt auch Erich Fromm. Natürlich ist unser aller sehnlichster Wunsch, nicht allein durchs Leben zu gehen, verstanden zu werden, berührt zu werden (nicht nur mit den Händen), geliebt zu werden. Und das auch im besten Fall zu geben. Ich nehme mich von all dem gar nicht aus! Nur: niemand lehrt uns dies. Weder im Kindergarten, noch in der Schule, in der Kirche auch nicht - und in den wenigsten Familien!
Wenn wir etwas ändern wollen, dann müssen wir im Lauf unserer Erwachsenenlebens schon aufwachen und selbst suchen und lernen.
„Liebe ist eine aktive Kraft im Menschen. Sie ist eine Kraft, welche die Wände niederreißt, die den Menschen von seinen Mitmenschen trennt, sie ist eine Kraft, die ihn mit anderen vereinigt“ – auch das ist ein Satz aus diesem Buch, und es ist einer, der mich selbst sehr anspricht und auch versöhnlich stimmt.
Warum ich jetzt wieder dieses Buch lese?
Weil es immer wichtig ist!
Weil die Hawaiianische Massage mit Liebe zu tun hat!
Weil mein Leben mit Liebe zu tun hat!
Mein Leben hat zu tun mit der Vielfalt von "LIeben", die Erich Fromm beschreibt: Mit der Liebe zwischen Mutter und Kind; mit der Liebe zwischen mir und meinen Freunden; mit Selbstliebe; mit der Liebe zum Leben; mit der Liebe zur Natur; mit Nächstenliebe; mit erotischer Liebe; mit der ganz tief empfundenen Liebe…
Und auch wenn ich selbst noch immer und wahrscheinlich bis an mein Lebensende übe: es fühlt sich gut an - auch wenn Liebe manchmal schmerzlich ist oder aussichtslos oder traurig. Oder wenn sie beflügelt und tief erfüllt. Das alles scheint zum Leben einfach zu gehören.
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